Totenstille lastete im Raum, zuckende Schatten tanzten im Kerzenschein wie Gespenster an der Wand. Sie wagte kaum zu Atmen. Wie gespannt starrte sie auf das Wasserglas in der Mitte des Tisches und erwartete das Unfaßbare. Für einen Moment glaubte sie sogar, einen kalten Lufthauch an ihrer Wange zu spüren, und dann passierte das, woran sie nie ernsthaft geglaubt hatte: Das Glas rückte ein paar Zentimeter über den Tisch! Eine Antwort aus dem Reich der Toten? Das Tor zum eigenen Unterbewußtsein? Ein unbewußter Reflex?
"Gläserrücken" nennt sich dieses fassungslose "Spiel" mit der eigenen Glaubwürdigkeit. Diana die diesen Abend drei Freundinnen eingeladen hatte, um mit ihnen dieses "Spiel" auszuprobieren, war total geschockt, als das Glas sich bewegte. Sie nahm eine Kraft wahr, die sie daran glauben ließ, Kontakt mit den Geistern aus dem Jenseits aufzunehmen.
Zettel mit kunstvoll gemalten Buchstaben des ganzen Alphabets, die im Kreis um ein schlichtes Wasserglas auf einem einfachen Wohnzimmertisch aufgelegt waren, eine Portion Konzentration und geheimnisvolle Kerzenlichtstimmung- das waren die Voraussetzungen für den Nervenkitzel mit Gänsehautgarantie.
Diana erklärte: "Zu fünft oder sechst hätten wir allerdings noch mehr Aussichten auf eine erfolgreiche Sitzung."
Am nächsten Tag in der Schule verabredeten sich die Mädchen für den Abend zum Gläserrücken bei Diana. Sie wollten unbedingt wissen, wie ihre Zukunft aussieht; welchen Beruf sie erlernen, wie die nächste Arbeit wird oder ob sie mit ihrem Traumjungen zusammenkommen.
Am Abend bei Diana legten sie wieder die Buchstaben im großen Kreis um das Glas. Alle schlossen die Augen um sich besser Konzentrieren zu können. Sie faßten sich an den Händen und beschworen ihre ersten Geister. Als erstes fragten sie natürlich, ob überhaupt ein Geist anwesend sei. Das Glas bewegte sich auf die Zettel mit den Buchstaben "J, und A", also "Ja" zu. Sie waren total fassungslos. Es war, als würde das Glas von einer Unsichtbaren Macht gelenkt... Jede von ihnen hatte vorher geschworen, sich keinen Spaß mit den anderen zu erlauben. Es war unheimlich und faszinierend zugleich. Sie waren fest überzeugt: Geister sprachen mit ihnen.
Freundliche Geister wie es zuerst schien. Geister, die den fünf Freundinnen Fragen zum Thema Liebesglück beantworteten, ab und zu Ratschläge gaben und offensichtlich niemanden Schaden zufügen wollten. Sie sagten, sie seien Schutzengel.
Jede von Dianas Freundinnen hatte einen Schutzengel. Aber dann kam der Hammer: Als Diana nach ihrem Schutzengel fragte, kam die Antwort, sie hätte keinen. Das war ein totaler Schock für sie! Schließlich glaubt doch faßt jeder daran, einen gütigen, immer aufmerksamen Begleiter zu haben, der auf einen aufpaßt und einen vor Unfällen behütet. Und ausgerechnet sie sollte keinen haben?
Bis dahin hatte sie sich noch nie so viele Gedanken über das Sterben gemacht. Doch plötzlich grübelte sie auf einsamen Spaziergängen ständig darüber nach, was ihr alles passieren könnte. Auf dem Weg zur Schule, zur Disco, sogar zu Hause. Sie schlief die nächste Zeit schlecht ein und bekam Alpträume. Aber das war noch lange nicht alles. Trotz der Angst konnte Diana nicht mit dem Gläserrücken aufhören. Es war wie eine Sucht für sie. Kaum war sie mit ihren Freundinnen zusammen, wurden die Karten und das Glas herausgekramt. Sie wollten immer mehr wissen, und sie haben alles, was das Glas "geschrieben" hat geglaubt.
Die Geister schienen immer da zu sein und nur auf sie zu warten. Eine Vermutung, die bei Diana beinahe in einen Verfolgungswahn ausartete. Es ging soweit, daß sie sich richtig beobachtet fühlte. Die Geister sagten ihnen, sie könnten sie immer sehen, und sie warnten die Mädchen mit jemanden über die Sitzungen zu reden. Das würde gerächt werden. Die Drohungen der angeblichen Geister verfehlten bei Diana und ihren Freundinnen ihre Wirkung nicht, zumal die Geister mit ihren Prophezeiungen verblüffend richtig lagen. Eine von den Freundinnen wollte zum Beispiel wissen, mit welchem Jungen sie zusammenkommen würde. Kurz darauf ging sie tatsächlich mit dem besagten Jungen, obwohl sie es für Schwachsinn gehalten hatte. Das alles hatte Diana sehr erschrocken. Sie dachte, wenn diese Geiser die Macht haben in die Zukunft zu sehen, würden sie bestimmt noch ganz andere Dinge geschehen lassen. Und tatsächlich. Dianas Befürchtungen sollten sich auf unfaßbare Art erfüllen. Ein Geist teilte einer Freundin von Diana mit, daß ihr Tot bald vollbracht sei. Eine eindeutige Morddrohung, die alle sehr erschütterte. Später rechtfertigte sich der Geist zwar "mit schlechter Laune" doch die Furcht sitzt der Freundin immer noch tief in den Knochen.
Ihr Schockerlebnis und das ihrer Freundin, öffnete den Mädchen die Augen. Nach dieser unheimlichen Sitzung mit der Morddrohung haben sie sich geschworen, nie mehr Gläserrücken zu "Spielen".
Satansbeschwörung ist gefährlich. Es kann verdammt schwer sein, sich aus diesem Teufelskreis der Angst und Faszination zu lösen!
Ines Barkowski