Die Schraube

Schwer ist es: die Aufgabe, ein Ganzes entstehen zu lassen.

Nicht daß das Halten schwerfällt; so etwas ist ja die Bestimmung einer Schraube, dafür sind wir geschaffen. Und ich bin keine der schlechtesten: Mein breites, scharfes Gewinde hat sich durch die Teile geschnitten, das Material nicht zerstört, sondern sich nur Raum verschafft, ist quasi Teil vom Ganzen geworden. Und indem ich hier sitze, ist sind die Teile eins geworden; sie zu halten, benötigt keine Kraft.

Aber ich bin Bestandteil der Planung; WO muß ich sitzen, damit ein funktionales, aber vor allem auch ästhetisches Ganzes entsteht? Ein Ganzes, in dem und mit dem zu leben lohnt? Wer berät mich, wer hat die gleichen Ideen? Alleine kann ich nichts entstehen lassen, das bedarf wohl keiner Erklärung, so offen liegt dies zu Tage. Meine Mitschrauben sind es, auf die es ankommt. Wie soll ich allein zwei große Teile verbinden, wenn die Last der Anziehung die gegenseitige Unterstützung, die großflächige Verbundenheit erforderlich macht? Sitzt eine Schraube am falschen Ort, sitzt eine nur nicht richtig fest, fehlt eine gar ganz - ein Sturm, eine Schneedecke, und alles bricht zusammen. Ohne meine Mitschrauben erreiche ich nichts.

Und das ist nicht alles. Wie kann ich mich vor Wind und Wetter schützen? Rost ist mein schlimmster Feind. Und der Wind bläst rauh und scharf in unserer Zeit, trägt Regen, Schnee und Frost. Und wenn ich auch robust bin, ja mich sogar einer rostschützenden Beschichtung rühmen darf, so bin ich doch nicht auf Dauer vor den Unbillen meiner Umgebung gefeit: Wenn die Teile nicht genau sitzen und sich in der Lücke die Feuchtigkeit sammelt, dann schaffe ich es noch aus eigener Kraft, mich zu drehen, den vorderen Teil zu schieben und am hinteren zu ziehen, bis die bedrohliche Lücke verschwindet. - Wenn aber das Holz um mich nicht imprägniert ist, bei der Verarbeitung gepfuscht wurde, wie soll ich mich langfristig da noch schützen? Das Wasser zerfrißt zuerst das Holz, sammelt sich an meiner Schutzschicht, bedrängt mich zunehmend, dringt in mich ein, durch meinen Schutz, und es zernagt mich, Stück für Stück, Woche um Woche, Jahr um Jahr, bis ich meine Kraft verliere... Ohne eine geeignete Umgebung bin ich ein nichts.

Andreas Jorde

zurück