Auf der Flucht

Erwins Magen spielte verrückt. Warum nur war er heute in die Schule gekommen, wo er doch genau wußte, was ihn erwartete. Warum sollte Herr Wurmnest ihm ausgerechnet in der vierten Arbeit eine bessere Note geben als in den bisherigen. Deutsch war nicht seine Sache, nicht seine Muttersprache und überhaupt. Und dann die anderen Fächer... Mathematik ging ja noch, bei dem Arens, seinem Klassenlehrer: Der war toll, echt in Ordnung. Erwin richtete sich etwas auf. Was sollte es! Dann kassierte er eben seine vierte Sechs in Deutsch. Seine Miene versteinerte sich, und er versuchte, gelassen zu wirken. Aber das gelang ihm nicht.

Vor vier Jahren waren sie aus Polen nach Deutschland gekommen. Erwins Vater war es leid gewesen, immer als Deutscher beschimpft und ausgegrenzt zu werden. Aber hier war es nicht viel besser. Und seine Frau mußte zu Hause bleiben und konnte ihren Beruf als Diplom-Chemikerin nicht ausüben, hier auf dem Lande. Aber das war gar nicht so schlecht, wegen Erwin. Zum Glück hatte sich sein Sohn gut eingewöhnt, hatte Freunde und spielte im Verein Fußball und Tischtennis. In der Förderstufe hatte Erwin gute Noten nach Hause gebracht, und das im Gymnasialzweig, im A-Kurs, und sogar in Deutsch eine Zwei. Aber dann, nach der Förderstufe, war Erwin aufs Gymnasium gegangen. Und hier schien ein anderer Wind zu wehen, jedenfalls brachte er jetzt keine guten Noten mehr nach Hause.

Die Deutscharbeit war natürlich wieder daneben gegangen. Was war denn an seinem Deutsch so schlecht? War es nicht "gut"? - für vier Jahre in Deutschland? Seinen Eltern wollte er die Arbeit gar nicht zeigen; nicht, weil sie geschimpft oder gestraft hätten, nein, das taten sie nicht. Aber irgend etwas hielt ihn davon ab, mit der großen, runden Note vor seine Eltern zu treten.

Am Nachmittag konnte er sich wieder mal nicht auf seine Hausaufgaben konzentrieren. Auch das neue Computerspiel reizte ihn im Moment gar nicht. Unruhig und schlecht gelaunt lief er in seinem Zimmer hin und her, mal hier hin, mal dorthin, kramte hier, suchte dort. Aber er wußte nicht, was er suchte, und er fand es auch nicht. Der Tee schmeckte ihm nicht, das Englischbuch rief ihn nicht, der Steven-King-Roman lockte ihn nicht. Morgen würden ihn die Lehrer wieder auseinander nehmen, die Hausaufgaben fordern, die Vokabeln abfragen. Er würde wieder nur Ansätze aus den Fünf-Minuten-Pausen vorweisen, Entschuldigungen stammeln, Anschisse kassieren. - Er wollte raus.

Seiner Mutter sagte er, er wolle nur mal durch das Dorf schlendern und schauen, ob Freunde unterwegs seien. Kaum war er aber draußen, lief er zielstrebig zum Bahnhof, um die zehn Kilometer in die Stadt zu fahren. Billardspielen, das war es jetzt, das mußte jetzt sein. Auf den Zug brauchte er nicht lange zu warten, und Bekannte begegneten ihm auch nicht. Schnell war er an seinem Ziel.

In der Billardhalle herrschte nicht viel Betrieb, nur an zwei der zehn Tische wurde gespielt. Als er sein Geldstück in einen der freien Billardtische stecken wollte, fragte ihn der Spieler vom Nebentisch, ob sie nicht gemeinsam spielen wollten. Er war etwas älter als Erwin, trug eine von den lässigen, weiten Hosen und eine Schirmkappe, falschrum versteht sich. Seine Sonnenbrille baumelte am Bügel unter dem Ausschnitt seines Baseball-Sweatshirts, und kaum war eine Hand frei, so verschwand sie sofort in einer seiner weiten Hosentaschen, während sein Queue lässig über der Schulter lag.

Das Spiel machte Spaß, und die Zeit verging wie im Fluge. Viel zu spät merkte er, daß ihn seine Mutter vermissen würde. Ein ums andere Mal hatte sein Mitspieler Revanche gefordert, wenn Erwin gewonnen hatte, und Revanche angeboten, wenn dieser verloren hatte. Die wenigen Sätze, die neben dem Spiel gewechselt worden waren, hatten Erwin wohlgetan. Anders als in der geschwätzigen Klasse, die ständig Unfug trieb und herumtollte, konnte er hier er selbst sein und brauchte nur erzählen, was er wollte. Ein cooler Typ war das, der David! Hier wurde er nicht ausgefragt, hier mußte er nichts beweisen, hier durfte er auch schweigen. So war es im Hin und Her des Spiels schon acht Uhr geworden, und Erwins Phantasie würde vor seiner Mutter auf eine harte Probe gestellt werden.

Zu Hause gab es das erwartete Donnerwetter. Seine Mutter wollte ihm partout nicht glauben, daß er Dennis getroffen und dann mit ihm Englisch gelernt habe. Er sei ein Lügner, schrie ihn seine Mutter an, und er konnte nichts tun, als auf seiner Version zu bestehen. Es würde schwierig werden, in den nächsten Tagen mal wieder Billard spielen zu gehen und vielleicht David zu treffen.

Am nächsten Morgen war ihm schlecht. Sein Frühstück schmeckte nicht, er packte sich nur ein Brot ein und verließ das Haus. Auf dem Weg zur Schule nervten ihn im Zug die albernen Mitschüler, die mit ihm die gleiche Strecke fuhren, und seinem Magen ging es nicht eben besser. Was sollte er in der Schule, wenn er doch gleich kotzen würde? Das mußte eine Magen-Darm-Grippe oder sowas sein, er war krank. Also blieb er nach dem Aussteigen erst einmal eine Weile im Bahnhof, kaufte sich eine Zeitschrift und wartete lesend, bis sein Magen sich erholt hatte. Aber der dachte gar nicht daran, und Erwin fühlte sich alles andere als wohl. Deshalb beschloß er, wieder nach Hause zu fahren und sich ins Bett zu legen.

Im gleichen Moment schoß ihm der Streit von gestern abend durch den Kopf, seine Mutter, die ihn Lügner genannt hatte. Würde sie ihm glauben, daß ihm schlecht war? Gewiß nicht! Ihm stand das gleiche Spiel, der gleiche Zank, das gleiche Gebrüll bevor wie gestern. Nein, davon würde ihm auch nicht besser werden. Entschlossen nahm er seine Tasche und Zeitschrift, verließ den Bahnhof und wandte sich zur Stadt, zum Billard-Café.

David war tatsächlich wieder da. Innerlich frohlockte Erwin, aber so etwas war er nicht gewöhnt zu zeigen. "Hallo David", grüßte er, "bereit für ein Spiel?" Wortlos nahm David ein Queue und nickte zum Zeichen, daß Erwin Geld einwerfen könne. "Wir haben heute schulfrei", sagte er trocken, und Erwin erwiderte: "Mir war schlecht." Keine Nachfrage, kein Kommentar, das Spiel begann.

Erwins Geld ging bald zur Neige, und auch David hatte nicht viel dabei. "Hast Du heute abend Zeit?" frage David. "Das wird schwierig mit meinen Eltern." Erwin sprach möglichst beiläufig, als wäre das nur ein Problem von Taktik, Tricks und Ausreden. "Worum geht´s denn?" - "Geld besorgen, fürs Billard." - "Und wie?" Mit knappen Worten erklärte ihm David, daß man in der Dunkelheit leicht abgelegene Automaten aufbrechen könne, wenn man zu zweit sei und einer Wache schiebe. Fürs Billard, schoß es Erwin durch den Kopf, mit David. "Acht Uhr, am Bahnhof?" fragte David. "Geht klar!" war die Antwort.

Der Nachmittag war die Hölle für Erwin. Schon der Rückweg, im gleichen Zug wie die Mitschüler, war nicht angenehm gewesen. Mit einem Gesichtsausdruck, der Gleichgültigkeit zeigen sollte, hatte er stumm da gesessen und es vermieden, die Klassenkameraden anzusehen. Und tatsächlich hatte ihn niemand auf den Vormittag angesprochen. Jetzt aber saß er zum ersten Mal seit langem an seinem Schreibtisch. Die Entschuldigung für den heutigen Tag, wegen Übelkeit, lag vor ihm, und es fehlte nur noch die Unterschrift der Mutter. Er zögerte. Die Unterschrift der Mutter. Er konnte sie, aber... Und heute abend, einfach in einem unbeobachteten Moment gehen und hinterher das Gewitter ertragen? Das war ein Weg... Wieder lügen müssen? Aber Geld haben! Billard spielen. Mit David! Aber morgen vor den Klassenlehrer treten, seinem Klassenlehrer die Entschuldigung geben müssen...

Sein Kopf drohte zu platzen. Die Gedanken kreisten, nein wirbelten herum. Kein klarer Gedanke schien mehr möglich. Mit Mühe stand er auf, ging im Zimmer hin und her und versuchte, Ordnung in seinem Kopf zu erzeugen. Was war geschehen? Er hatte Billard gespielt. Er war nicht in die Schule gegangen. Er hatte sich am Abend verabredet. Er wollte einen Automaten knacken. Bei diesem Gedanken lief es ihm kalt den Rücken herunter. Einen Automaten knacken... Was würde danach kommen, was war schon gekommen? Er hatte seine Mutter belügen müssen, wollte eine Entschuldigung fälschen, er müßte sich davonstehlen und ein zweites Mal lügen, noch massiver als das erste Mal...

Da plötzlich stand seine Entscheidung fest. Er würde sich stellen, nicht mehr weglaufen. Er würde sich Hilfe holen, reden...

Entschlossen zerriß er die Entschuldigung und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Andreas Jorde

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